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Bücher zum Thema:

Der Tunnel in die Freiheit. Berlin, Bernauer Strasse

Über die Ostsee in die Freiheit

Ich war Staatsfeind Nr. 1

Flucht und Fluchtversuche aus der DDR

Anfangs bestand die Grenzsicherung "nur" aus Stacheldraht und spaníschen Reitern. Nur die wenigen verbliebenen Übergänge waren mit Betonklötzen gesichert, schließlich brauchte man den Beton zum Bau von Wohnungen. Alle Übergänge waren aber stark bewacht. Die Zugänge zu den S-Bahn- und U-Bahnhöfen waren für die in den Westen führenden Linien verschlossen worden, aber trotz aller Bemühungen waren die Sperranlagen eher noch provisorischer Natur.

In Ost-Berlin begriff man, dass die Fluchtwege nun endgültig versperrt sein würden. So kam es, dass am ersten Tag nach dem Schließen der Grenze noch ca. 1000 Menschen panikartig die Flucht ergifffen.
Zum Teil wurden die Sperren mit einem PKW durchbrochen. Ein Vater mit seinem 3-jährigen Sohn auf dem Kopf schwamm durch den Landwehrkanal nach West-Berlin. Andere versteckten sich in Kartoffeltransporten oder kamen über Kohlehalden. Wieder andere nutzten es, dass die Häuser, in denen sie wohnte, zwar auf Ost-Berliner Gebiet lagen, der angrenzende Bürgersteig aber bereits zu West-Berlin. So seilten sie sich aus ihren Wohnungen ab oder sprangen aus dem Fenster, denn die Zugänge waren verschlossen worden. Teilweise drangen Volkspolizisten in die Wohnungen ein und hielten die Leute am Fenster fest.

Der Grenzpolizist Conrad Schumann flüchtet am 15. August durch seinen als Foto festgehaltenen Sprung über den Stacheldraht. Ihm sollten weitere 2000 Grenzsoldaten folgen.

Am 22. September ließen sich Leute aus der 4. Etage eines Hauses in der Bernauer Str. aus dem 4. Stock in das Sprungtuch der Feuerwehr fallen. Weitere Fluchtversuche gab es in der Nähe von Sonneberg in Thüringen, wo 70 Personen den Stacheldraht überwanden, in Herleshausen raste ein junger Unteroffizier mit seinem Motorrad durch den Drahtverhau, nachdem er seine Kollegen überlistet hatte. Ein LKW mit 8 Personen durchbrach in Berlin die Sperre. Aber es gab auch Tragödien: Beim Sprung aus dem Fenster des schon erwähnten Hauses in der Bernauer Str. verletzte sich eine 58jährige, sie erlag später den Verletzungen. Als Reaktion darauf wurden die Bewohner von jetzt auf gleich zwangsumgesiedelt.

Das bekannteste Opfer der ersten Tage war zweifellos Peter Fechter, Maurergeselle aus Berlin-Weißensee. Er wollte zu seiner Schwester flüchten, die er kurz vor dem Mauerbau das letzte Mal gesehen hatte. Zusammen mit einem Kollegen hatten sie sich ganz in der Nähe des berühmten „Checkpoint Charlie" einen Fluchtweg ausgekundschaftet. Sie kamen auch unentdeckt über den Stacheldrahtzaun. Auf den letzten Metern vor der Mauer wurden sie aber doch entdeckt und beschossen. Wie sich später rausstellte, wurden von 2 Grepos insgesamt 21 Schüsse abgegeben.
Der Tod des 18jährigen Ostberliners, der am 17. August 1962 bei einem Fluchtversuch von den Kugeln der Volkspolizei mehrfach in Bauch und Rücken getroffen (sein Kollege überlebte unverletzt) und vor den Augen Tausender Berliner eine Dreiviertelstunde schwer verletzt liegen geblieben war und verblutete, hatte in Berlin eine bis dahin noch nie dagewesene Empörung hervorgerufen. Den sterbenden Fechter hilflos beobachtend, ließen die Westberliner ihrer Wut freien Lauf und riefen im Chor "Mörder, Mörder", während die Ostberliner schweigend hinter ihrer Absperrung standen. Zum ersten Mal wandte sich die Empörung der Berliner auch gegen die Amerikaner, die tatenlos geblieben waren. Übrigens: Die beteiligten Grepos wurden mit Geldprämien belohnt, weil sie den Schießbefehl beachteten, den es nach Aussagen der DDR-Staatsobermarionetten ja nie gegeben hat. Diese Aussage wurde, wie nichts anders zu erwarten war, nach 1989 durch gefundene Stasi-Unterlagen als Lüge aufgedeckt.

Auch ein Flüchtling, der durch den Teltowkanal nach West-Berlin schwimmen wollte, wurde tödlich von den Schüssen der Grenzpolizisten (GrePo) getroffen.Relativ schnell (bereits im November 1961) wurde dann die 2. Generation des "antifaschistischen Schutzwalls" gebaut - Bauarbeiter (es durften nur verheiratete Männer an der Mauer arbeiten) mussten sich mit Blocksteinen unter strengster Bewachung selbst einmauern. Während dieser Zeit wurde selbst das ehrgeizige Wohnungsbauprogramm gedrosselt. Alles, was dem zügigen Ausbau oder einem freien Schussfeld im Wege stand, wurde gnadenlos platt gemacht. Egal, ob es sich um Wohnhäuser, Kirchen oder auch Friedhöfe handelte. Die Mühe, die Toten vorher umzubetten, machte sich niemand. Der erste katholische Friedhof in Berlin wurde regelrecht verwüstet.

Längst waren aber auch schon die ersten Fluchthelfer unterwegs. Studenten mit westdeutschen oder ausländischem oder Pass oder sogar Diplomatenpass. Sie konnten sich auch in Ost-Berlin noch verhältnismässig frei bewegen. Mit geborgten oder auch gefälschten Pässen holten sie Fluchtwillige aus dem Ostteil der Stadt raus (siehe auch → Fluchthilfe.de). Auch Autos wurden umgebaut, in denen Personen aus der DDR in den Westen geschmuggelt wurden. Dazu gehören auch Autos wie der Käfer oder der Mini, denen man es gar nicht zutraut, ein Versteck zu bieten. Die Krönung (jedenfalls meiner Meinung nach) war der Umbau einer Isetta, in der schon 2 Personen recht wenig Platz hatten. Eine weitere bemerkenswerte Leistung war die Flucht mit einem flachen Sportwagen, der unter den Schranken am Checkpoint Charlie durchraste. Und durchpasste! Alles zu sehen und nachzulesen im → "Haus am Checkpoint Charlie".

Nachdem die Mauer relativ schnell "verbessert" und damit undurchdringlicher war, waren neue Ideen zur Flucht gefordert. Einfach losrennen und rüberklettern war nicht mehr möglich. Ein kühnes Unternehmendes Leipziger Diplom-Ökonoms Heinz Holzapfel datiert vom 28.07.1965. Der Plan an sich war simpel, genial und gefährlich zugleich. Heinz Holzapfel hatte des öfteren im "Haus der Ministerien" zu tun und bemerkte dabei, das der Südflügel dieses Gebäudes direkt an die Sektorengrenze angrenzte. Auf der Westseite jenen Tages warteten seine Verwandten, er selbst ließ sich mit seiner Frau und seinem Kind auf einer Toilette im obersten Stockwerk einschließen. An dieser hatte er ein Schild "Außer Betrieb" befestigt. Nach Dienstschluss und Einbruch der Dunkelheit warf er zu der mit seinen Verwandten verabredeten Zeit einen mit Schaumgummi umgebenen und mit Leuchtfarbe bemalten Hammer über die Mauer, an dessen Stiel er ein dünnes Perlonseil befestigt hatte. Die Verwandten suchten und fanden den Hammer im hohen Unkraut und befestigten ihrerseits ein Stahlsein an dem Perlonseil. Unter Aufbietung aller seiner Kräfte gelang es Heinz Holzapfel, das Seil nach oben zu ziehen – wenige Meter neben einem Wachhäuschen eines sowjetischen Postens. Das Stahlseil wurde am Fahnenmast des Hauses befestigt. Mit einer Selbstkonstruktion in Art einer Seilbahn fuhr die Familie über die Mauer in die Freiheit zu den Verwandten. Die Flucht wurde trotz eines kleinen Missgeschicks erst am nächsten Tag entdeckt. Hein Holzapfel verlor auf der Flucht seine Ledertasche, als der Riemen riss. Obwohl sie laut hörbar auf dem Boden im Hof des "Hauses der Ministerien" aufschlug, kümmerte sich niemand drum.

Ähnlich flüchteten zwei weitere Ost-Berliner. Im Gebäude einer Zeitungsdruckerei in Mauernähe zersägten sie ein Fenstergitter, warfen einen Wurfanker über die Mauer und seilten sich nach Kreuzberg (US-Sektor) ab.
1966 wurde die Mauer von zwei Handwerkern mit einer modernisierten 18t Planierraupe niedergewalzt. Obwohl man später 38 Einschüsse zählte kamen sie unverletzt davon.
Ein sowjetischer Major fuhr mit einen olivgrünen sowjetischen Wagen im Frühjahr 1962 einfach durch den Checkpoint Charlie. Aber: Es war kein Major, sondern ein verkleideter Ost-Berliner. Ähnliches gelang weiteren Flüchtlingen, die sich als amerikanische Soldaten verkleideten oder auch 3 Medizinstudenten, die sich als Grepos verkleidet hatten.

Hinweisschild am Checkpoint Charlie
Hinweisschild am Checkpoint Charlie

Am S-Bahnhof Friedrichstraße, dem wohl kompliziertesten Gebilde in einer komplizierten Stadt, verlief die Trasse der Stadtbahn (Teil der Berliner S-Bahn) dicht an den Häuserfronten. Da die S-Bahn direkt nach der Ausfahrt erst allmählich Fahrt in Richtung Lehrter Bahnhof (der lag bereits im Westteil der Stadt) aufnahm, nutzte eine Gruppe von 12 Oberschülern die Gelegenheit, auf den Zug aufzuspringen, um wenige Minuten später im Westen angekommen zu sein.

Kurze Erklärung zum S- und U-Bahnhof Friedrichstraße:
Grundsätzlich fuhren alle S-Bahnen und U-Bahnen ohne Halt unter dem Ost-Berliner Gebiet durch. Das galt für die Nord-Süd S-Bahn als auch für die heutige U-Bahnlinie 6. Einzige Ausnahme war der Bahnhof Friedrichstraße, der kurioserweise zusätzlich auch noch der Endpunkt des im Westen verbliebenen Teils der Stadtbahn war. Nun konnte man als Westberliner dort zwischen den S-Bahnlinien sowie zur U-Bahn umsteigen (und billig im Intershop einkaufen, nicht nur Zigaretten, sondern auch – für mich hochinteressant - Eisenbahnbücher. Bezahlt werden musste natürlich in DM) und auch in die "Hauptstadt der DDR" einreisen.
Jahre später, als ich so Mitte der 70er Jahre alleine unterwegs sein durfte, war ich mal aus eisenbahntechnischem Interesse auf dem Bahnsteig der Stadtbahn in Richtung Lehrter Bahnhof unterwegs. In Erinnerung geblieben sind mir meterhohe Stahlwände auf dem Bahnsteig der S-Bahn zwischen den Bahnsteigen (auch die S-Bahn aus Ost-Berlin hielt im Bahnhof Friedrichstr.), hohe Wachtürme und in Richtig Lehrter Bahnhof, meterhohe Zäune an der Trasse mit Unmengen an Stacheldraht "gekrönt"

Auch über das Wasser wurde geflüchtet:
Es wurde das Flaggschiff der Ost-Berliner Ausflugsflotte entführt und in West-Berliner Gewässer gefahren; von einem Kreuzfahrtschiff der DDR sprang ein Flüchtling im Bosporus über Bord und kam über die Türkei in den Westen. Auch ein Patrouillenboot der Marine wurde entführt und dazu gezwungen, einen westdeutschen Hafen anzulaufen.
Die sicher allseits bekannte und spektakuläre Flucht im Ballon fand aber erst in der Epoche 4 statt: Am 16. September 1979.

Auch in Berlins Untergrund wurde geflüchtet - über Anlagen der Kanalisation oder über gegrabene Tunnel (auch hier: → Fluchthilfe.de oder auch das Buch bzw. der Film „Der Tunnel").

Ende der 60er Jahre kam dann die 3. Generation von Mauer zum Einsatz, die überwiegend aus Fertigteilen bestand.

Auch zum Thema Mauer wieder eine Statistik:

Das „Grenzsicherungssystem" der DDR rund um Berlin (Zahlen vom Juli 1989)
Gesamtlänge der Mauer um West-Berlin: 155 km
Länge zwischen Ost-Berlin und West-Berlin: 43,1 km
Länge zwischen Ost-Berlin und der DDR: 111,9 km
Betonplattenwand: 106,00 km
Metallgitterzaun: 66,5 km
Wachtürme: 302
Bunker: 20
Hundelaufanlagen: 259
KfZ-Sperrgräben: 105,5 km
geglückte Fluchtversuche: 5075
davon Angehörige bewaffneter Verbände: 574
Todesopfer: 239

Die amtliche offizielle Zahl der bei Fluchtversuchen getöteten Personen ist 938, Experten gehen aber davon aus, dass die tatsächliche Zahl höher liegt. Niemand weiß, wie viele Leute bei Fluchtversuchen z.B. in der Ostsee ertrunken sind, von Grenzpolizisten oder Grenzsoldaten getötet wurden oder von den Selbstschussanlagen zerfetzt wurden...

Michael Neuhauß

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